• Geld- und Konjunkturpolitik 2023

Das Inflationsniveau in Deutschland und dem Euroraum hat 2022 einen Rekordstand erreicht. Das besorgt die Politik und Wirtschaft ebenso wie Verbraucherinnen und Verbraucher. Mit ihrer Geldpolitik steuert die EZB dagegen und wird im laufenden Jahr weitere Maßnahmen ergreifen. Welche Entwicklung zu erwarten ist und welche Rolle u.a. der Arbeitsmarkt spielen wird, stellte Jens Ulbrich, Leiter des Zentralbereichs Volkswirtschaft bei der Deutschen Bundesbank, auf einer digitalen Arbeitssitzung des Fachforums Finanzen und Kapitalmarkt am 19. Januar dar.

Auch wenn man seit Beginn des Jahres wieder ein leichtes Sinken der Inflation in Europa und den USA beobachtet habe, sei zu fragen, ob die Inflation gekommen sei, um zu bleiben, eröffnete Verbandsvizepräsidentin Prof. Dr. Susanne Knorre das Gespräch. Sie fragte den Bundesbank-Chefvolkswirt, worauf Politik und Unternehmen sich angesichts eines möglicherweise verstetigenden hohen Niveaus der Teuerungsrate einstellen müssten. Dr. Peter Güllmann, Leiter des Fachforums Finanzen und Kapitalmarkt, moderierte die Sitzung.

Jens Ulbrich verwies auf insgesamt ungewöhnliche Zeiten, die sich seit 2008 in einer Reihe von Krisen gezeigt hätten – bis zur weltweiten Pandemie seit 2020 und dem fast schon ein Jahr dauernden russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Der anziehende Inflationsdruck sei bereits Anfang 2021 zu spüren gewesen; gegen Ende des Jahres 2022 habe er in Deutschland und dem Euroraum Rekordwerte erreicht. Dies sei vor allem auf die volatilen Komponenten Energie und Nahrungsmittel zurückzuführen. Aber selbst, wenn man diese Komponenten unberücksichtigt ließe, sei erkennbar, dass der Preisauftrieb inzwischen an Breite gewonnen habe und die sogenannte Kernrate in Deutschland und dem Euro-Raum mittlerweile bei über fünf Prozent liege. Man müsse in Deutschland schon bis in die 50er Jahre zurückgehen, um annähernd so hohe Inflationsraten zu sehen.

Phase der Niedriginflation ist vorbei
Den hohen Anstieg der Teuerung führt Ulbrich auf eine Kombination verschiedener Faktoren zurück. So spiele sicherlich die ungewöhnliche Erholungsphase nach der Corona-Pandemie eine Rolle, insbesondere nachdem zu Beginn der Pandemie der „Covid-Schock“ auf Preise eher desinflationierend gewirkt habe. Die Entwicklungen 2022 an den Spotmärkten für Gas und Strom seien in dieser Form nicht prognostizierbar gewesen. Zum starken Preisauftrieb habe auch beigetragen, dass man in der Geldpolitik noch in der Vor-Covid-Phase der Niedriginflation unterwegs gewesen sei und diesen Inflationsprozess zu spät vorhergesehen habe. Eine Preissteigerung von unter drei Prozent, wie man sie in den Jahren bis zur Covid-Pandemie gesehen habe, werde auf absehbare Zeit in Deutschland nicht mehr zu beobachten sein, so Ulbrich.

Der Ökonom verwies auf die Dezember-Prognose der Bundesbank, der zufolge die Inflationsrate in den kommenden Jahren bis Ende 2025 sinken werde, vor allem aufgrund rückläufiger Energie- und Rohstoffpreise. Dennoch bleibe sie merklich oberhalb von zwei Prozent. Auch sei eine sinkende Rate für sich genommen kein Anzeichen, sich zurückzulehnen und Entwarnung zu geben: „Wir sehen, dass die Preise bei Energie sich verändern. Wir sehen aber, dass die Kernrate, also ohne Energie und Nahrungsmittel, an Fahrt aufgenommen hat und sich der gesamte Preisauftrieb verbreitert“, sagte Ulbrich. Man habe gegenwärtig ein anderes Inflationsregime als noch vor 2020. Gründe seien temporäre Faktoren wie hohe Energiepreise und Lieferengpässe. So etwas löse sich auf. Auch wenn man erwarten könne, dass die Energiepreise strukturell höher blieben als vor der Covid-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg, so würden sie doch nicht das Niveau vom Herbst 2022 beibehalten. Für ein künftig strukturell anderes Inflationsregime in Deutschland sind laut Ulbrich wesentliche Faktoren vielmehr ein robuster, widerstandsfähiger Arbeitsmarkt und die Arbeitskräfteknappheit. Diese sei selbst in dieser grundsätzlichen wirtschaftlichen Schwächephase über alle Sektoren hinweg zu beobachten.

Arbeitskräfteknappheit führt zu Lohnsteigerungen
Der umfassende Arbeits- und Fachkräftemangel werde die Verhandlungsposition der Gewerkschaften stärken und auch bei der Gegenseite dazu führen, dass die niedrigen Lohnabschlüsse, die man in Deutschland über Jahre gesehen habe, der Vergangenheit angehörten, ist Ulbrich überzeugt. Schon jetzt reagierten die Tarifvertragsparteien auf die aktuell sehr hohe Inflation. Die Knappheit am Arbeitsmarkt setze sich um in historisch recht hohe Lohnabschlüsse, sodass in den kommenden Jahren mit Lohnsteigerungsraten in Deutschland von effektiv fünf Prozent zu rechnen sei. Mit Blick auf die weitere Arbeitskräfteentwicklung stellte Ulbrich in Aussicht, dass ab 2025 die demografische Entwicklung nicht mehr durch die angenommene Nettomigration aufgefangen werden könne und das Arbeitskräftepotenzial dann auch absolut schrumpfen werde.

Expansive Finanzpolitik – restriktive Geldpolitik
Der Bundesbank-Chefvolkswirt ging weiterhin auf die Unterstützungsmaßnahmen der Politik ein. Der Löwenanteil der Maßnahmen komme dabei nicht privaten Haushalten zugute, sondern den Unternehmen. Nach Meinung Ulbrichs ist die Finanzpolitik in Deutschland „zu expansiv“. Viele der Hilfen seien zu wenig zielgerichtet, da sie per Gießkanne einem Gutteil der Bevölkerung zugutekämen und nicht eindeutig auf die konzentriert seien, die wirklich hilfsbedürftig seien.

Dagegen beginne die Geldpolitik in diesem Jahr restriktiver zu wirken. Denn die Preisstabilität bei zwei Prozent stünde ganz oben auf der geldpolitischen Agenda, und man sei bereit, mit einer Reihe weiterer Zinserhöhungsschritte den Inflationsprozess wieder auf zwei Prozent in der mittleren Frist zurückzuführen. „Das ist meiner Ansicht nach auch völlig angemessen angesichts der hohen Inflationsrate“, so Ulbrich.

Präsentation von Jens Ulbrich zur Inflationsentwicklung in Deutschland und im Euroraum

Präsentation von Jens Ulbrich zur Inflationsentwicklung in Deutschland und im Euroraum

Präsentation von Jens Ulbrich zur Inflationsentwicklung in Deutschland und im Euroraum